08.08.11 | Mitteldeutsche Zeitung | VON ALEXANDER SCHIERHOLZ
MAGDEBURG/MZ. Mehr Deiche, aber zu wenige Überflutungsflächen: Neun Jahre nach dem verheerenden Hochwasser vom August 2002 an Elbe und Mulde hat der Naturschutzverband BUND beklagt, dass Deutschland seinen Flüssen zu wenig Raum gebe. In einer am Montag veröffentlichten Studie heißt es, die Flüsse würden durch den Bau von Dämmen und Barrieren weiter eingeengt, anstatt ihre natürlichen Überschwemmungsflächen zu vergrößern. "Der ökologische Zustand der deutschen Flüsse verschlechtert sich weiter", sagte BUND-Vorsitzender Hubert Weiger.
In der Studie hat der BUND Oder, Elbe, Weser, Ems, Rhein und Donau untersucht. Die Ergebnisse sind aus Sicht der Naturschützer alarmierend: So seien an der Elbe wie auch an den anderen Flüssen rund 80 Prozent der ehemaligen Aueflächen inzwischen vom Fluss abgetrennt. Für den dringend notwendigen Hochwasserschutz müssten deshalb Deiche zurückverlegt werden. Von den ehemals 33 nach dem Hochwasser ins Auge gefassten entsprechenden Projekten seien aber, so die Studie, "gerade einmal vier umgesetzt worden".
Das größte Vorhaben dieser Art, die Rückverlegung eines Deiches im Lödderitzer Forst nahe Dessau, ist bereits im Bau. Dadurch sollen 600 Hektar an Überflutungsfläche gewonnen werden. Nach Angaben des Magdeburger Umweltministerium sollen noch 16 weitere Deiche zurückverlegt werden. Außerdem setze Sachsen-Anhalt auf eine "naturnahe Entwicklung" von Gewässern.
Für fragwürdig hält der Verband die "fast bedeutungslos gewordene Güterschifffahrt" auf der Elbe. In der Studie heißt es dazu, die Investitionen in die Unterhaltung des Flusses hätten keineswegs zu einer Belebung der Schifffahrt beigetragen. Im Gegenteil seien die Gütermengen in den vergangenen zwölf Jahren um 50 Prozent zurückgegangen, so der BUND unter Berufung auf eine eigene Untersuchung. Das Landesverkehrsministerium hält eigene Zahlen dagegen, wonach das Frachtaufkommen von Jahr zu Jahr zunehme. Davon profitieren auch die Elbe-Häfen etwa in Magdeburg oder Aken (Anhalt-Bitterfeld), die sich als wichtige Fracht-Umschlagplätze im Hinterland der Hochseehäfen sehen.
Als Konsequenz aus ihrer Kritik fordern die Autoren der Studie, die Elbe nur noch minimal zu unterhalten: "Wir müssen uns von dem illusorischen Ziel verabschieden, zwischen Dresden und Geesthacht an 345 Tagen im Jahr eine Fahrrinnentiefe von 1,60 Metern zu garantieren." Zudem müssten die Binnenschiffe stärker als bisher den Elbe-Seiten-Kanal bis zum Wasserstraßenkreuz Magdeburg nutzen.
Ein Sanierungskonzept für die Elbe muss aus Sicht der Naturschützer außerdem die Folgen der sogenannten Tiefenerosion berücksichtigen. Der Begriff beschreibt einen Prozess, bei dem der Fluss immer tiefer in sein Bett gedrängt wird. Die Gründe sind laut Studie vielfältig: fehlender Sedimenteintrag aufgrund von Staustufen im Oberlauf der Elbe, Uferbefestigungen durch Buhnen oder erhöhte Fließgeschwindigkeit infolge der Begradigung des Flusslaufes. Die Folge: Der Grundwasserstand in den Auen sinke. Das gefährde sowohl das Dessau-Wörlitzer Gartenreich als auch das Biosphärenreservat Mittlere Elbe, warnen die Autoren der Studie.
BUND legt Fluss-Studie vor
Laut der Studie sind nach dem Elbe-Hochwasser von 2002 zig Millionen in neue Deichanlagen und Schutzmauern investiert worden, während von 33 möglichen Rückverlegungen gerade Mal vier in der Planungsphase stecken. Insgesamt würden nur noch neun Prozent der Flussauen in Deutschland einen naturnahen Zustand aufweisen. Für den natürlichen Hochwasserschutz seien aber Auen und breite Flussufer von unschätzbarem Wert. Der BUND fordert daher, die Flüsse zu renaturieren und wieder zu lebendigen Gewässern umzugestalten. Der ökologische Hochwasserschutz müsse Vorrang haben. Dies sei auch eine Forderung der Wasserrahmenrichtlinie der EU. Nach Angaben der Umweltschutzorganisation driften Anspruch und Wirklichkeit beim Gewässerschutz in Deutschland weit auseinander. Sachsen-Anhalts BUND-Landesgeschäftsführer, Oliver Wendenkampf, beklagte, dass die Zielvorgaben der Wasserrahmenrichtlinie in seinem Bundesland gar nicht zu erreichen seien, da viel zu spät mit deren Umsetzung begonnen worden sei.
Kritik an Binnenschifffahrt
Der Politik wirft der BUND vor, zu sehr auf den Güterschiffsverkehr zu setzen. So hätten Maßnahmen zur ganzjährigen Vertiefung der Elbe-Fahrrinne auf 1,60 Meter zum Absinken des Flussbettes und damit zu einer Verringerung des Grundwasserspiegels geführt. Als Beispiel nannte BUND-Chef Weiger die UNESCO-Weltkulturerbestätte Dessau-Wörlitzer Gartenreich, die durch Austrocknung "massivst gefährdet" sei. Zudem verschwende die Bundesregierung fortgesetzt Geld. Als Beispiel nannte Weiger den umstrittenen Elbe-Saale-Kanal, für den mehr als 100 Millionen Euro ohne wirtschaftlichen Nutzen zu Buche stünden. Darüber hinaus seien in den vergangenen Jahren deutschlandweit fast vier Milliarden Euro in den Ausbau von Kanälen investiert worden, ohne dass ein Zuwachs bei Schiffsgütertransporten zu verzeichnen sei. Daher fordert der BUND, auf neue Schleusen und Staustufen zu verzichten und Binnenschiffe künftig den Gewässern anzupassen und nicht umgekehrt.
08. August 2011 | SACHSEN-ANHALT HEUTE
Der BUND stellte eine Studie über deutsche Flüsse vor. Elbe-Fischer Gernot Quaschny fischt seit 31 Jahren bei Tangermünde und weiß, wie es der Elbe geht.
Laut der Studie konnte die einst extreme Verschmutzung der Elbe verringert werden. Dennoch sorgten Phosphate aus kommunalen und landwirtschaftlichen Abwässern nach wie vor für schädliche Algenblüten. Zudem sei die Belastung mit Stickstoff zu hoch. Fische gelangten wegen zahlreicher Staustufen und Schleusen nicht zu ihren Laichplätzen, weshalb in manchen Flüssen bereits 97 Prozent der ursprünglichen Arten ausgestorben seien. |