aktualisiert am Dienstag, 16 November, 2010

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25-2010 | Kritische Ökologie

Der Elbe-Saale-Kanal: Absurder Aufbau Ost?

von Ernst-Paul Dörfler

Flusslandschaften sind die hot-spots der Biodiversität. Flüsse und Auen beherbergen von allen Ökosystemen die größte Zahl an wild lebenden Tieren und wild wachsenden Pflanzen. Fließende und stehende Gewässer, Wälder, Wiesen, Kies- und Sandbänke sowie Dünen bieten ihnen Lebensraum. Im Biosphärenreservat »Flusslandschaft Elbe« wurden 1050 Pflanzenarten nachgewiesen. Die Zahl der Tierarten bewegt sich in der Größenordnung von über 5 000. An der Elbe reihen sich fast lückenlos die FFHGebiete; 10 Europäische Vogelschutzgebiete zählt man entlang des Stromes, 400 km lang ist das UNESCO-Biosphärenreservat »Flusslandschaft Elbe«, dazu kommt noch das UNESCO-Welterbegebiet »Dessau-Wörlitzer-Gartenreich«. Mehr kann man einen Fluss kaum schützen...

Vom Bekanntheitsgrad steht die »Mutter Elbe« im Schatten vom »Vater Rhein«. Die Bevölkerungsdichte beträgt nur etwa ein Zehntel, Industriestandorte fehlen weitgehend oder sind geschrumpft bzw. stillgelegt. Um so mehr ist Platz für Natur. Die Elbe ist der letzte, noch naturnahe und frei fließende Strom in Mitteleuropa. Auf über 600 Kilometern blieb er bis heute verschont von Querbauwerken. Der Fluss ist bis Geesthacht auf dieser Länge frei von Staustufen und Schleusen. Doch die Zukunft der Elbe ist strittig. Naturnaher Fluss oder technisch ausgebaute Wasserstraße? – das ist die Frage. Um keinen zweiten Fluss Deutschlands wird so hart und ausdauernd gefochten, wie um die Elbe und ihren größten Nebenfluss, die Saale. Wir stehen vor einer Richtungsentscheidung, wie wir mit unseren Flüssen in Zukunft umgehen wollen. Was wohl kaum möglich ist: Ein Kompromiss. Man kann nicht die linke Hälfte eines Flusses renaturieren und die rechte Hälfte kanalisieren.

In der Bundesrepublik Deutschland wurde schon längere Zeit kein neuer Kanal mehr gebaut. Der Main-Donau-Kanal war der letzte Kanal-Neubau. Geht es nach dem Bundesverkehrsministerium, soll nun »die Industrieregion Leipzig– Halle einen leistungsfähigen Anschluss an das europäische Wasserstraßennetz erhalten«. So lautet die Zielstellung für das Wasserstraßenprojekt »Saaleausbau «, das im Bundesverkehrswegeplan schon seit 1992 unter »vordringlicher Bedarf« läuft. Zunächst war eine Staustufe nahe der Saalemündung geplant, die mit dem Elbe-Hochwasser im Jahre 2002 politisch tabu war. Seither verfolgt das Bundesverkehrsministerium einen 10 km langen Seitenkanal, der die Saale bei Calbe mit der Elbe bei Barby verbinden soll. Die Kosten waren ursprünglich auf 80 Millionen Euro veranschlagt (Preisstand 1998), inzwischen rechnet das Bundesverkehrsministerium mit 100-150 Mio. Euro.

Fakt ist: Das Ziel ist mit dem geplanten Kanal-Ausbau nicht zu verwirklichen. Oberhalb von Halle befinden sich keine Wasserstraßen, die über Halle hinaus nach Leipzig führen und daher zu einer Erschließung der Industrieregion Leipzig beitragen können. Entscheidend ist jedoch, dass unterhalb des geplanten Kanals die Elbe aufgrund häufig vorkommender Niedrigwasserstände nicht ganzjährig befahrbar ist. Die zuverlässige Nutzung der Elbe als Wasserstraße ist jedoch notwendige Voraussetzung für die beabsichtigte Verlagerung von Massenguttransporten auf die Binnenschifffahrt. Der drastische Rückgang des Transportvolumens von und zur Saale auf nahezu Null Tonnen ist nicht auf den mangelnden Ausbau der unteren Saale zurückzuführen, sondern auf die häufigen Niedrigwasserperioden der Elbe, die zur Folge haben, dass eine wirtschaftlich planbare, ganzjährige Befahrbarkeit der Elbe nicht gewährleistet ist. Der Ausbau der unteren Saale ist daher unter der Zielvorgabe einer Verbesserung der Wasserstraßeninfrastruktur wirkungslos.

Die Transporte im Saale-Elbe-Güterverkehr hatten ihren Höhepunkt in den 60-er bis 80-er Jahren des letzten Jahrhunderts, der wasserreichsten Periode der letzten einhundert Jahre. Damals fuhr immerhin jeden Tag ein Schiff, registriert in der Schleuse Calbe. Nach der Wende war es nur noch ein Schiff pro Woche, später ein Schiff pro Monat und inzwischen liegt die Schifffahrt am Boden. Dieser stetige Trend nach unten bremste allerdings nicht die Investitionslaune der Verkehrspolitiker und deren Ausgeben fremden Geldes. Alle fünf Saale-Schleusen bis Halle wurden – nahezu ungestört durch Schiffsverkehr– modernisiert – für schlappe 4 Mio. Euro. Für 30 Millionen Euro kam in Halle ein Hafen hinzu, in dem mehrere Schiffe gleichzeitig be- und entladen werden können. Seit 2006 kam aber überhaupt kein Schiff mehr an. Hafenbecken, Kaianlagen und Kräne, alles supermodern aber nicht genutzt.

Doch statt beschämt zu schweigen, wird der Saale-Elbe-Kanalbau von Verkehrsplanern weiter vorangetrieben. Schließlich soll der berechnete Nutzen die Kosten des Kanals um das Doppelte übertreffen, so die amtlich bestellte Wirtschaftlichkeitsanalyse von Planco- Consulting Essen (2004). Damit dieser Fall auch eintritt, sollen nach Fertigstellung des Kanals täglich 10 Europaschiffe im Saale-Elbe-Verkehr fahren. Das sind Steigerungsraten, die sich mathematisch kaum noch ausdrücken lassen. Das Großartigste dieser Prognose lautet aber: Die Schiffe sollen im Jahresdurchschnitt mit über 1000 Tonnen beladen sein, so die Planer. Ihr Tiefgang beträgt dann 2 m bis 2,50 m. Auf diesen Zahlen basiert die vorgelegte Nutzen-Kosten-Analyse.

Wie sieht es aber in der Realität aus? Die Schiffe, die in der Saale schwer beladen starten sollen, müssen zwangsläufig durch die Elbe, um Hamburg zu erreichen. Die Elbe ist jedoch im Gegensatz zu Rhein und Donau ein natürlicher Niedrigwasserfluss. Die geplanten Europaschiffe können auf der Elbe die meiste Zeit nicht fahren: An 200 bis 300 Tagen im Jahr würden sie in der Elbe stecken bleiben. Deshalb sind die (wenigen) Schiffe, die noch auf der Mittelelbe verkehren, im Durchschnitt nur mit 350 Tonnen beladen. Mehr kann die Elbe ganz offensichtlich nicht tragen. Der Klimawandel mit trockeneren und heißeren Sommerhalbjahren wird dieses Problem verschärfen: Die nötigen Wassermengen für einen ganzjährigen Güterverkehr fehlen der Elbe schon jetzt und werden immer öfter fehlen. Ein möglicher Ausbau der Elbe wird aber vom Bundesverkehrsministerium strikt verneint. Seit dem verheerenden Hochwasser 2002 ist der Elbausbau offiziell gestrichen.

Somit ist offensichtlich: Der Saale-Elbe- Kanal wird zum Geisterkanal. Erst ein Hafen ohne Schiffe, dann ein Kanal ohne Schiffe. Besonders die Landesregierung Sachsen-Anhalts setzt sich für den Kanalbau ein, trägt doch der Bund die Kosten zu 100%. Fremdes Geld wird offenbar mit besonderer Großzügigkeit ausgegeben. Die Liste der Investitionsruinen im Osten würde sich verlängern um die wohl größte Fehlinvestition Ostdeutschlands. Diese Erkenntnis sollte auch in den alten Bundesländern, den Geldgebern, endlich ankommen. Bei den Haushaltspolitikern müssten eigentlich die Alarmglocken schrillen.

Wie sieht es mit der Wirtschaftlichkeit des Kanalprojektes tatsächlich aus? Hans-Ullrich Zabel, Professor für Betriebswirtschaft an der Universität Halle- Wittenberg, hat unter Zugrundelegung wirklichkeitsnaher Ladungsmengen ein Nutzen-Kosten-Verhältnis für den Kanal von 0,69 errechnet. Die Kosten des Kanals würden also den Nutzen deutlich übersteigen. Doch dieses Ergebnis ist immer noch zu optimistisch. Schiffe mit 350 Tonnen Ladung würden von der Saale aus überhaupt nicht starten, weil es sich für Massenguttransporte nicht rechnet. Das haben die Unternehmen an der Saale mehrfach betont: Mindestens 1000 Tonnen Ladung, darunter läuft nichts.

Der Verkehr läuft unterdessen über die Schiene, problemlos im Ganzzugverkehr Richtung Nordseehäfen. Die DB Netz-AG schreibt dazu in einer Stellungnahme:

»Im Nahbereich Halle (Saale) und Bernburg (Saale) sind die Schienenkapazitäten der DB Netz AG nicht ausgelastet. Engpässe werden auch dann nicht erwartet, wenn die Verkehrsprognose für 2015 zu Grunde gelegt wird. Die Auslastung des Schienennetzes in diesem Bereich kann weiter erhöht werden, der Verkehrsträger Schiene kann zusätzliche Transportmengen übernehmen.«

Es gibt also gar kein Transportproblem in der betreffenden Region.

Erhebt sich die Frage: Warum soll dieser Kanal überhaupt gebaut werden, wenn er nicht zu gebrauchen ist? Liegt es daran, dass in Deutschland eine monströse Schifffahrtsverwaltung existiert, die nach neuen Projekten trachtet? An der Elbe und Saale fallen auf einen Schiffer rund zehn amtliche Schifffahrtsverwalter. Oder geht es der Bauwirtschaft um lukrative Bauaufträge auf Steuerzahlerkosten? Hofft man auf Anschlussbauaufträge an der Elbe? Denn die Elbe wird der nächste Engpass sein...


Dr. Ernst Paul Dörfler ist Sprecher des BUNDElbeprojektes: www.elbeinsel.de und wurde am 05. Oktober mit dem EuroNatur-Preis ausgezeichnet.

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