aktualisiert am Montag, 1 November, 2010

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Feature | MDR FIGARO | 25.09.2010 | Podcast | LINK zum Feature

Was wird aus der Elbe?

Zukunftsbilder für einen Fluss

Die Elbe ist der letzte naturnahe Strom in Deutschland. Es gibt noch Hoch- und Niedrigwasser, Auenlandschaften und artenreiche Uferregionen. Doch wird das so bleiben? Naturschützer fürchten, dass sich die Befürworter eines ganzjährig befahrbaren Transportweges noch durchsetzen. Klaus Ihlau war an der Elbe unterwegs. Sein Feature steht hier auch zum Download bereit!

Vom Elbsandsteingebirge bis zum Hamburger Hafen
Auf einer Länge von 600 Kilometern kann die Elbe weitgehend ihrem natürlichen Lauf folgen: Hoch- und Niedrigwasser prägen die Auen und die artenreiche Uferregionen zwischen Elbsandsteingebirge und Hamburger Hafen. Das Wechselspiel der Wasserstände hat ein stark strukturiertes Flussbett geschaffen - mit Mäandern, Sand- und Kieselstränden. Damit unterscheidet sich die Elbe von anderen großen Flüssen unseres Landes, die durch Kanalisierung und Staustufen auf ihre Funktion als Verkehrswege reduziert worden sind.

Ein Interessenkonflikt?
Unter Naturschützern und Elbe-Anrainern gibt es jedoch Befürchtungen, dass auch diesem Fluss der Ausbau droht - allen Dementis von Politikern und Schifffahrtsverbänden zum Trotz. Für die Befürworter der Binnenschifffahrt blieb der Plan eines ganzjährig befahrbaren Transportweges Elbe seit den 1930er-Jahren ein unerfüllter Wunschtraum. Im Zug der "Verkehrsprojekte Deutsche Einheit" sollte die Elbe als Wasserstraße ausgebaut werden. In seinem Feature geht Klaus Ihlau dem lange schon schwelenden Konflikt zwischen Vertretern ökonomischer bzw. ökologischer Interessen nach. Er trifft Menschen, die lieber heute als morgen große Eurokähne auf dem Fluss sähen. Und er trifft Menschen, für die der Schutz der Elbe zu einer Lebensaufgabe geworden ist.

Zweifel am ökonomischen Sinn eines Ausbaus
Man brauche den Anschluss der Elbe ans europäische Wassenstraßennetz, um Produkte von der Straße wegzubringen, erklärt beispielsweise Sachsen Anhalts Verkehrsminister Karl-Heinz Daehre. Für einen "grandiosen Irrtum" hält dies der Schriftsteller Ernst Paul Dörfler. Der studierte Chemiker lebt in Steckby, einem kleinen Ort im Biosphärenreservat an der mittleren Elbe. Dörfler hat die ostdeutschen Grünen mitbegründet, saß in der letzten Volkskammer der DDR, dann kurz im Bundestag. Inzwischen ist die Elbe so etwas wie sein Lebensthema geworden – er kämpft für den Erhalt der Auenlandschaft und gegen den Ausbau des Flusses als Wasserstraße. Er bezweifelt, dass die Unternehmen, die an der Elbe ansässig sind, ihre Massengüter künftig per Schiff und über den Fluss transportieren würden. Aus Erfahrungen am Beispiel der Saale:
"Es wird gesagt, wenn die Schiffe durch die Saale kommen, kommen sie auch durch die Elbe. Dem ist nicht so ... An der Saalemündung gibt es eine Stadt, die heißt Barby. In dieser Stadt gibt es ein großes Kieswerk. In der Stadt gibt es Europas größtes Weizenverarbeitungsunternehmen. Weizen und Kies könnte man per Schiff transportieren, aber es läuft kein Kieselstein und kein Getreidekorn über's Schiff."
Ernst Paul Dörfler

Mittlerweile gibt es sogar eine Parlamentarier- Gruppe "Frei fließende Flüsse", der Abgeordnete aus allen Parteien angehören. Erklärtes Ziel der 40 Mitglieder ist es, die deutschen Flüsse vor weiterer Kanalisierung und Verbauung zu schützen. Und es arbeitet im Bundestag eine zweite, etwa gleichstarke Gruppe "Binnenschifffahrt". Die Grünen-Politikerin Valerie Wilms gehört als einzige Abgeordnete beiden an. So könnte sie Mittlerin zwischen verschiedenen Interessen sein. Sie sieht die Elbe nicht vorrangig als Verkehrsträger und verweist darauf, dass der Anteil des Güterverkehrs in Deutschland, der auf Flüssen abgewickelt wird, nahezu unverändert bei neun Prozent liegt.

"Was uns als Politiker eigentlich umtreiben sollte, ist nicht, wie beim Unternehmen im Vierteljahresrhythmus oder im Fünfjahresrhythmus zu denken, sondern langfristig denken, wie wir unsere Welt hier, unser Land unserer nachfolgenden Generation überlassen wollen ... Und sich schon mal Gedanken machen, wie wir den Gütertransport auf die elektrifizierte Bahn bekommen."
Valerie Wilms, Grünen-Politikerin

Umweltschützer kritisieren "Unterhaltungsmaßnahmen"
Ausbau-Befürworter verweisen darauf, dass die Elbe gar kein natürlich fließender Fluss mehr sei. Die Elbe, die ursprünglich in einem 20 Kilometer breiten Urstromtal floss, sei bereits durch Deiche in ein zwei Kilometer breites Abflussprofil gezwängt worden. Schon nach 1871 habe man begonnen, Buhnen zu bauen. Sie ragen einige Meter vom Ufer aus in die Elbe hinein. Sie zwängen den Fluss in eine enge Rinne, in der Mitte strömt er schneller, wird tiefer. Durch Steinschüttungen wird seit einigen Jahren auf die Vertiefung der Fahrrinne hingearbeitet. Das Bundesverkehrsministerium hat bis Ende 2010 eine durchgängige Elbtiefe von 1,60 Meter zugesagt, das Mindestmaß für große Binnenschiffe. "Steinigen" nennen die Umweltschützer den Buhnenbau. Die sogenannten Unterhaltungsmaßnahmen seien in Wahrheit ein Ausbau. Sie befürchten, dass dadurch das Grundwasser in den Elbauen sinkt – mit bösen Folgen für Flora und Fauna. Ganz zu schweigen von den Folgen bei einem neuerlichen Hochwasser.

Im Oktober 2010 wird Ernst Paul Dörfler der Euronaturpreis verliehen - für herausragendes Engagement im Naturschutz. Ein wenig fühlt man sich an den Spruch vom Propheten im eigenen Land erinnert. Dass beim Elbe-Bade-Tag im Juli 2010 Tausende ihren Fluss auf neue Weise erleben konnten, das hat jedenfalls auch mit seinem Engagement zu tun und mit dem seiner Mitstreiter.

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