30.07.2010 | AP | von Annette Schneider-Solis
KINDERGARTEN-AKTIVISMUS
Flussschützer treffen sich zum 18. Mal im Elbe-Saale-Camp
Barby (apn) Unweit der Fähre haben Flussschützer ihre Zelte auf den Elbwiesen aufgeschlagen. Etwa 30 Umweltaktivisten sind die ganze Woche hier. Andere machen für ein oder zwei Nächte Station, und am Wochenende wächst die kleine Zeltstadt. Die meisten kommen aus Deutschland, doch auch Gäste aus den Niederlanden und den USA wurden begrüßt. Seit 18 Jahren ist das Elbe-Saale-Camp eine feste Institution. Von hier aus unternehmen Naturfreunde Ausflüge in die Elbauen, paddeln Elbe und Saale hinab, nehmen ein Bad in den Fluten der Flüsse, die sich unweit des Camps vereinigen.
Das Elbe-Saale-Camp wurde Anfang der 90er Jahre geboren. 1992 beschloss die Bundesregierung mit dem Bundesverkehrswegeplan den Bau einer Staustufe in der Saale bei Klein Rosenburg und eine Vertiefung der Elbe. Gegner gründeten das Aktionsbündnis Elbe-Saale und veranstalteten ein Jahr später das erste Camp.
Nach dem Hochwasser von 2002 hat die Bundesregierung zwar alle Baumaßnahmen gestoppt. Doch immer wieder prangern die Flussschützer Unterhaltungsmaßnahmen als verdeckte Ausbaumaßnahmen an. Außerdem droht der Bau eines Kanals, der der Schifffahrt die letzten schlängelnden Kilometer der Saale vor der Elbmündung ersparen soll. Diese Strecke ist Liedermacher Heinz Ratz mit dem Boot gefahren. Ursprünglich wollte er die 84 Kilometer von Halle aus schwimmen, doch Fieber zwang ihn aus dem Wasser. Seine beiden Mitstreiter legten die ganze Strecke in vier Tagesabschnitten schwimmend zurück.
Heinz Ratz ist begeistert. „Man spürt, dass die Menschen den Fluss lieben. Immer haben uns Leute ein Stück im Boot oder schwimmend begleitet. Der Älteste war 78! Und man fühlt Freiheit, wenn man die Kraft des Flusses spürt.“
Über 40 Fischarten
Ulrich Witneven nimmt seit 2003 an den Camps teil. Er stammt aus Lübeck, ist damals nach Schönebeck an der Elbe gezogen und als Naturfreund auf das Camp aufmerksam geworden. Wie in jedem Jahr wollte er auch in diesem Sommer mit den Kindern der Campteilnehmer Tiere in und am Fluss bestimmen. „Aber die Strömung ist zu stark und der Wasserstand zu hoch“, bedauert er.
Dafür geht er Andrea Hoff zur Hand, die mit den Kindern Wasserproben bestimmt. „Wir zeigen, dass die Wasserqualität inzwischen so gut ist, dass man im Fluss bedenkenlos baden kann“, freut sich die Magdeburgerin. „Das sieht man auch daran, dass wieder über 40 Fischarten hier heimisch sind“, ergänzt Witneven, während wenige Meter weiter Jutta Röseler zur Gitarre greift und gemeinsam mit den Knirpsen aus dem Barbyer Kindergarten singt.
Unterstützung erhalten die Flussschützer von politischer Seite, und im Camp werden jedes Jahr auch politische Diskussionen geführt und Protestaktionen organisiert. In diesem Jahr besuchte unter anderem der SPD-Bundestagsabgeordnete Burkhard Lischka die Elbe-Saale-Camper. „Ich bin nicht zum ersten Mal hier“, sagt Lischka. Er will ein Zeichen setzen. Seiner Meinung nach schadet der Bau des Saalekanals der Region mehr als er nutzt, und die Befürworter agieren mit falschen Zahlen.
Das behauptet auch Ernst-Paul Dörfler. Seine Augen leuchten, wenn er von seiner Vision erzählt. „Ich stelle mir vor, dass die Elbe das wird, was die Loire für Frankreich ist: eine Top-Attraktion im Tourismus, Natur- und Kulturerbe. Aber dafür ist ein Umdenken nötig. Die Elbe ist kein Abwasserkanal mehr, aber sie soll auch kein Schiffskanal werden, das ist ein Projekt des vorigen Jahrhunderts.“
Dass der Kanal, für dessen Bau 100 Millionen Euro veranschlagt werden, eine Fehlinvestition ist, davon ist Dörfler überzeugt. Dass die Bundesregierung wegen der schlechten Kassenlage auf das Projekt verzichtet, glaubt er nicht. „Er wäre beinah dem Rotstift zum Opfer gefallen, aber die sachsen-anhaltische Landesregierung will den Kanal und macht Druck.“ Obwohl die Atmosphäre im Camp freundschaftlich und fröhlich ist, wünscht sich Camporganisatorin Jutta Röseler, dass das 18. Elbe-Saale-Camp eines der letzten ist. „Es ist ein Protestcamp, und ich hoffe, dass wir den Saalekanal bald zu Grabe tragen können. Dann wäre kein Camp mehr nötig.“ (AP) |