FAZ 17.06.07
Die Sturzregen der vergangenen Woche haben gezeigt, dass Hochwasser jeden treffen kann. Haben wir seit der Jahrhundertflut von 2002 dazugelernt?
Von Martina Keller
Die Feuerwehr im Main-Taunus-Kreis war am vergangenen Wochenende gut beschäftigt. Allein im Kurort Bad Soden fuhr sie 140 Einsätze - nicht etwa weil es brannte, sondern weil bei Blitz und Donner Unmengen Wasser vom Himmel stürzten. In anderthalb Stunden 50 Liter pro Quadratmeter, das sind fünf Wassereimer voll. Viel mehr Niederschlag fällt sonst im ganzen Monat nicht. Das Ergebnis: Über Nacht schwoll der kleine Sulzbach zu einem reißenden Strom an, zwei Rückhaltebecken am Rand von Bad Soden hielten die Flut nicht auf, und auch die Kanalisation konnte die Mengen nicht mehr fassen. Viele Bewohner des Sodener Villenviertels mussten ihre Häuser verlassen, mehr als 100 Keller und Tiefgaragen liefen voll, Teile der Altstadt und der Kurparkanlagen verwandelten sich vorübergehend in einen See. Nick-Oliver Kromer, der stellvertretende Stadtbranddirektor, sprach von einem Unwetter in "bisher nicht gekanntem Ausmaß".
Diese Momentaufnahme aus der Provinz ist symptomatisch: Mit solchen Extremen müssen die Bundesbürger in Zukunft häufiger rechnen. Zwar verzeichnet der Deutsche Wetterdienst (DWD) aufs Jahr betrachtet nicht mehr Regen als früher, aber die Struktur der Niederschläge hat sich geändert. "Im Sommer regnet es etwas seltener, aber wenn es regnet - dann richtig.", sagt Gerhard Lux, Pressesprecher des DWD. Früher meldete die Messstation am Frankfurter Flughafen pro Jahr vier bis fünf sogenannte "Starkregenereignisse", mittlerweile sind es sieben bis acht. Eine Folge des Klimawandels? "Zumindest passt das Phänomen ins Bild", sagt Lux. Die Jahresmitteltemperatur in Deutschland ist nach den DWD-Aufzeichnungen in den vergangenen 100 Jahren um 0,9 Grad gestiegen. Das hat zur Folge, dass sich die Atmosphäre aufheizt. Je wärmer aber die Luft ist, umso mehr Wasser kann sie speichern - und bei Gewitter ausregnen lassen.
Diesen Trend registriert auch die Münchener Rück mit einiger Sorge. Der Versicherungskonzern verzeichnete in den vergangenen 35 Jahren bei den Schäden durch Naturkatastrophen in Deutschland einen steigenden Trend. Einen Anteil von 38 Prozent an den Gesamtschäden hatten Überschwemmungen. Für die Zukunft warnt Wolfgang Kron von der Georisiko-Forschung des Konzerns denn auch vor "einem steigenden Überschwemmungsrisiko".
Dabei ist Hochwasser für sich genommen noch keine Katastrophe. Wenn früher der Pegel der Flüsse im Rhythmus der Jahreszeiten stieg, wurden ausgedehnte Flußauen überschwemmt und fielen anschließend wieder trocken. Gefährlich wird es erst, wenn Menschen an Flussufern siedeln, ackern oder Industrieanlagen bauen. In den vergangenen 150 Jahren, und noch einmal verstärkt nach dem Zweiten Weltkrieg, kanalisierten und begradigten Ingenieure die großen deutschen Flüsse, um sie schiffbar zu machen und Land zu gewinnen. Seither strömen Flutwellen schneller, und ihre Pegel sind höher. Die Bewirtschaftung der Ufer bringt enorme Risiken mit sich: Die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins beziffert die möglichen Sachschäden entlang des Flusses bei einem sehr gravierenden Hochwasser - wie es glücklicherweise nur selten auftritt - auf knapp 165 Milliarden Euro.
Welche Folgen eine Jahrhundertflut haben kann, bekamen im August vor fünf Jahren die Anwohner von Elbe, Mulde und deren Nebenflüssen zu spüren. Eine seltene "Vb-Wetterlage", die wegen ihrer heftiger Niederschläge gefürchtet ist, ließ die Pegel der Flüsse anschwellen. In Dresden stieg die Elbe auf die Rekordmarke von 9,40 Meter. Die Altstadt mit Zwinger und Semperoper wurde überflutet, 30000 Menschen mussten evakuiert werden. Auf ihrem Weg durch die Bundesländer rissen die Flutwellen Brücken weg und unterspülten Straßen und Bahngleise, die Strom- und Telefonversorgung in manchen Orten brach zusammen. Ganze Dörfer wurden evakuiert oder waren von der Außenwelt abgeschnitten.
Zu ihnen gehört Waldersee in Sachsen-Anhalt, ein Vorort von Dessau. Bis zuletzt schleppten Helfer Sandsäcke auf die maroden Deiche, die den Ort wie ein Ring umgeben. Am 18. August um 11.15 hatten sie den Kampf verloren. Auf einer Strecke von 70 Metern riss der Abwehrwall, zehn Stunden später hatte das Wasser den drei Kilometer entfernten Ort überflutet. Die Kirche, das Rathaus, die Schule und der Kindergarten standen unter Wasser. Von 1000 Haushalten in Waldersee wurden 900 bis in den Wohnbereich überschwemmt, den übrigen liefen mindestens die Keller voll. Aus 170 zerstörten Ölheizungen ergossen sich 250 000 Liter Heizöl in die Straßen, die nur noch mit Booten zu befahren waren. Damit Spezialisten die Brühe absaugen konnten, musste das Wasser zwei Wochen stehen bleiben. Danach konnten die Walderseeer ihr Hab und Gut als Sperrmüll auf die Straße werfen. Er türmte sich auf 32 000 Tonnen.
Die Bilanz der Jahrhundertflut: 370 000 Menschen waren betroffen, 21 kamen ums Leben. 25652 Wohnhäuser wurden beschädigt oder zerstört, außerdem 236 Schulen und sieben Krankenhäuser. Der Schaden allein in Deutschland betrug rund elf Milliarden Euro.
Heute sind die Häuser in Waldersee frisch getüncht, und Bürgermeister Lothar Ehm führt stolz durch sein wiedererstandenes Dorf. Die Grundschule hat jetzt bunte Fenster, das Rathaus strahlt in hellem Beige und die Feuerwehr hat zwei neue Löschfahrzeuge gespendet bekommen. In diesem Jahr nahm Waldersee zum ersten Mal am Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" teil und belegte einen vorderen Platz in Sachsen-Anhalt. Auch die Deiche ringsum sind jetzt auf der Höhe der Zeit. Ehm hat eine meterlange Papierrolle mit Tausenden von Unterschriften mitgebracht, ein historisches Dokument. Einen Monat nach der Katastrophe hatten die Walderseeer Kopien der Rolle an die Landesregierung in Magdeburg, die Bundesregierung sowie die Vertretung der europäischen Union übergeben - sie forderten Deiche nach DIN 19712, drei Meter breiter und einen Meter höher als zuvor.
Muss man sich also um den Hochwasserschutz keine Sorge mehr machen? In den vergangenen fünf Jahren hat sich tatsächlich einiges getan. Die Kommunikation zwischen Tschechien und Deutschland ist mittlerweile bestens organisiert, auch die zwischen den Bundesländern. Die Vorwarnzeit bei Elbe-Hochwasser verlängerte sich dank neuer Vorhersagemodelle von 24 auf beachtliche 60 Stunden. Kompetenzen wurden gebündelt, in Sachsen etwa wurden drei regionale Stellen zum Landeshochwasserzentrum zusammengelegt. Ein ausgeklügeltes Informationssystem informiert Kommunen und
Einzelpersonen bei Hochwasseralarm, es bewährte sich bereits bei der Elbeflut im vergangenen Jahr. Rund 1000 Empfänger bekommen per SMS Nachricht, wenn eine Hochwasserwelle droht. Als einziges betroffenes Bundesland hielt sich Sachsen bei der Aufrüstung seiner Deiche zurück. Die übrigen investierten mehr als 220 Millionen Euro, um ihre Abwehrwälle auf 235 Kilometer Länge zu erhöhen und zu verstärken.
Für Ernst-Paul Dörfler reicht das nicht. "Deicherhöhung allein schafft eine Scheinsicherheit", sagt der Elbe-Experte des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der mit Birkenstocksandalen und grüner Kluft einen Naturschützer wie aus dem Bilderbuch gibt. Dörfler steht auf dem Elbdeich bei Lödderitz. "Sehen Sie hier, ein typisches Altwasser, das gehört eigentlich in jede Aue." Er zeigt auf einen grünen Tümpel an der flussabgewandten Seite des Deichs. Von solchen Altwässern wird es hier in einigen Jahren wieder viele geben. Bei Lödderitz führt der World Wide Fund For Nature (WWF) zusammen mit dem Land Sachsen-Anhalt eine der wenigen Maßnahmen des vorsorgenden Hochwasserschutzes durch. Hier gewinnt die Elbe 600 Hektar Land, indem der Deich zurückverlegt wird. Das bedeutet: Bei Hochwasser sinkt der Pegel der Flutwelle einige Kilomenter flussaufwärts um bis zu 25 Zentimeter, weil der Fluss sich in die Breite ausdehnen kann. Zugleich wird das größte noch zusammenhängende Auenwaldgebiet Mitteleuropas wiederbelebt und besser geschützt.
Der Weg dahin ist allerdings mühselig. "Das geht nach dem St. Floriansprinzip: Ja zum Hochwasserschutz, aber nicht bei mir", sagt WWF-Auenexperte Georg Rast. In Lödderitz gründete sich sogar eine Bürgerinitiative gegen die Deichrückverlegung. "Das ist ein reines Naturschutzprojekt", schimpft Bauingenieur Ingolf Fietz, der beim Landverwaltungsamt Widerspruch eingelegt hat. "Wenn das Wasser kommt, ist die Wanne ja schon voll". Die Altwasser sind für Fietz eine Brutstätte der Gefahr. "Das bedeutet Mücken ohne Ende, dann dauert es nicht lange, und wir haben die Malaria hier."
Solche Einwände hat der WWF in zahlreichen Versammlungen zusammen mit Bürgern und Experten diskutiert. "Urängste" machte Projektleiterin Astrid Eichhorn bei den Lödderitzern aus, weil das Wasser mit dem neuen Deich näher an ihren Ort reicht. Doch die Bürgerbeteiligung zahlt sich aus. "Wir begrüßen den Deich nicht, aber wir werden damit leben", sagt der Lödderitzer Bürgermeister Michael Kromer. Und den betroffenen Bauern werden Ersatzflächen angeboten.
Solch aufwendige Vorhaben sind die Ausnahme. Der WWF hat analysiert, wie die Milliarden zum Hochwasserschutz seit der Elbeflut verwendet wurden. "Die Antwort ist ernüchternd", heißt es in einer Studie, die in der kommenden Woche veröffentlicht wird. Vorwiegend werde in technische Maßnahmen investiert. Durch die derzeit geplanten und durchgeführten Projekte werden der Elbe gerade mal ein Prozent der früheren Überschwemmungsflächen zurückgegeben - sofern die Projekte überhaupt umgesetzt werden. Dabei fordert ein 2005 verabschiedetes Bundesgesetz den vorbeugenden Hochwasserschutz nachdrücklich ein. Zum Beispiel müssen die Länder innerhalb der nächsten Jahre Überschwemmungsgebiete und gefährdete Gebiete ausweisen, und die Kommunen sollen auf regelmäßig überfluteten Flächen keine neue Baugebiete mehr anbieten.
Den übrigen großen deutschen Flüssen geht es nicht besser als der Elbe. Ausgerechnet an der Oder wurde nach der großen Flut von 1997 vorwiegend in Deichbau investiert. Gefordert wurden seinerzeit zwar mehrere Polder, also Gebiete, die bei Hochwasser geflutet werden könnten. Doch die Landesregierung scheute die schwierige Auseinandersetzung mit den betroffenen Landwirten. "Da sind nicht einmal Anfangserfolge zu verzeichnen", sagt WWF-Mann Rast. Die Oderanlieger auf deutscher Seite können dennoch ruhiger schlafen, wenn erhöhte Pegelstände gemeldet werden: Die Polen haben ihre Deiche nicht so umfassend nachgerüstet, weil sie nicht genug Geld hatten. Wenn es kritisch wird, ist bei ihnen zuerst Land unter.
An allen großen Flüssen außer der Weser bemühen sich mittlerweile länder- und staatenübergreifende Kommissionenum den Hochwasserschutz. Es gibt sogar überzeugende Konzepte, doch mit der Umsetzung hapert es. "Aus einem geraden Fluss wieder einen krummen zu machen - das wird Jahrzehnte brauchen", sagt BUND-Experte Dörfler. Wenn es überhaupt geht. Am Rhein hatte der erste Aktionsplan noch beziffert, wie viele neue Abflussflächen geschaffen werden sollen, doch nachdem die ersten Projekte umgesetzt waren, hakt es mit der Ausweisung von neuen.
Immerhin haben sich die Anwohner in vielen Gebieten auf das Leben mit dem Hochwasser notgedrungen eingestellt - auch eine Art vorbeugender Hochwasserschutz. In Rheinkassel bei Köln werden neue Häuser so gebaut, dass das Erdgeschoß höher liegt als die Straße, so daß es vor dem ersten Hochwasser geschützt ist. Die Böden unten im Haus sind gefließt und leicht wieder zu reinigen. Energieversorger haben Stromverteilerkästen in den Häusern nach oben verlegt. Jeder Anwohner besitzt einen Plan, bei welchem Pegelstand er sein Auto in Sicherheit bringen oder den Monteur anrufen muss, der ihm die Heizung abdreht. Manche Familie besitzt im ersten Stock einen Kamin, damit sie auch heizen kann, wenn das Erdgeschoß unter Wasser steht.
Einige haben selber Vorrichtungen zum Abdichten von Türen und Fenstern angeschafft, und der Notkoffer mit den wichtigsten Dokumenten steht immer bereit. Wenn die Kölner Altsstadt mal wieder unter Wasser steht, fahren spezielle Boote Tag und Nacht, um Anwohner zu versorgen und zu transportieren.
Ausgerechnet die Diskussion um die Klimaveränderung scheint der alten Philosophie des technischen Hochwasserschutzes wieder Auftrieb zu geben. "Das Ergebnis heißt immer größer, breiter, höher - das ist wie bei den Autos", sagt Rast. Mitunter führt der Eifer der Deichbauer zu widersinnigen Ergebnissen. In ihrem Mittellauf liegt die Elbe mit einem Ufer in Brandenburg, mit dem anderen in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Im vorigen Jahr definierte Brandenburg seine Deichbemessungsgrenzen neu und beschloss eine Erhöhung, ohne sie mit dem Nachbarland abzustimmen. Zwar hielt die Umweltministerkommission dagegen, es müsse eine gemeinsame Lösung gefunden werden, aber bei der Kleinstadt Lenzen sind bereits Fakten geschaffen. Der Deich auf brandenburgischer Seite ist 70 Zentimeter höher als der auf der gegenüberliegenden Seite. Wer bei Hochwasser überschwemmt würde, ist klar. Sofern Niedersachsen die bereits nachgebesserten Deiche nicht für viel Geld weiter erhöht.
Die Klimaveränderung könnte allerdings nicht nur für die Anwohner großer Flüsse Probleme bringen. Über Pfingsten kämpfte auch Berlin mit den Fluten, nicht etwa, weil Havel und Spree über die Ufer getreten wären, sondern weil es wie aus Kübeln goss und stürmte. Die Feuerwehr rief den Ausnahmezustand aus, freiwillige Wehren wurden zur Unterstützung gerufen. Hunderte von Einsätze galten umgestürzten Bäumen und vollgelaufenen Kellern. "Die Kanalisation ist für solche Wassermengen nicht angepasst, und die kann man auch nicht so schnell anpassen", sagt WWF-Mann Rast. Da die Städte großflächig versiegelt sind, kann das Wasser nicht versickern, Vorrichtungen um Regenwasser aufzufangen und sinnvoll zu nutzen, sind kaum irgendwo installiert. Da kommen auf den vorbeugenden Hochwasserschutz ganz neue Aufgaben zu.
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